Das Unbewusste

Mit dem folgenden Artikel möchte ich einen Einblick in die Untiefen und die Funktionalität unseres automatisierten Kernsteuerungselementes ermöglichen: Unser Unbewusstes. Es ist unsere Schaltzentrale. Wir sollten also gut mit ihm befreundet sein.

 

Das Unbewusste wertet nicht:

Sie sitzen vor dem TV-Gerät und schauen die Nachrichten. Etwas, in Ihrer subjektiven Empfindung, Furchtbares ist passiert. Sie sind geschockt. Im Anschluss gibt es hierzu noch eine Sondersendung. Immer wieder werden dieselben schrecklichen Bilder gezeigt. Sie können nicht aufhören, hinzusehen. Bewusst finden Sie es grausam. Unbewusst hingegen nehmen Sie es einfach immer und immer wieder auf und stumpfen somit ab. Es wird normal für Sie. Mit jeder Wiederholung ein bisschen mehr, ob Sie wollen, oder nicht. Meine Theorie: Diese „Sensationsgeilheit“ ist eine evolutionär gewollte Reaktion, um Sie für zukünftige Vorfälle zu wappnen bzw. handlungsfähig zu machen. Nun ist das Fernsehen evolutionsgeschichtlich allerdings recht neu und somit sorgen nur Ihre Spiegelneuronen* dafür, dass Sie aus der Ferne mitleiden. Wenn die Wahrscheinlichkeit des eigenen zukünftigen Erlebens des im TV gezeigten Vorfalles also sehr gering ist und Sie Ihre Sensibilität beibehalten bzw. schützen wollen, nutzen Sie Ihr schlankes Bewusstsein, um zu filtern, was Sie in sich bzw. Ihr System hineinlassen. Schalten Sie das Gerät aus! Die relevanten Informationen haben Sie schließlich längst und selbst da ist fraglich, ob diese Ihr Leben tatsächlich bereichern. Sie müssen nicht alles wissen, was auf der Welt geschieht, wenn Sie keinen unmittelbaren Einfluss darauf haben.
Ähnlich ist es mit Telefonen. Ich wurde 1994 belächelt, als ich mir als einer der Ersten in meinem Umfeld ein Mobiltelefon kaufte. Ich war dennoch schon damals nicht dauerhaft erreichbar und bin es auch heute nicht. Mittlerweile hat nahezu jeder ein „Handy“. Und jetzt das Verrückteste: Kaum noch jemand macht es aus. Im schlimmsten Fall legen sich die Leute das Gerät sogar im Schlafzimmer ans Bett. Das Argument, das ich häufig höre: „Es ruft doch sowieso keiner an. Nur falls mal etwas Dringendes ist, bin ich erreichbar.“
Auch wenn es nicht klingelt: Das Unbewusste weiß, dass es (Achtung, Konjunktiv) klingeln KÖNNTE und schläft schon allein daher unruhiger. Mein Rat: Schalten Sie (es) ab, sowohl nachts, als auch tagsüber, wenn Sie mal Ihre Ruhe genießen wollen. Nicht erreichbar sein, nicht medial und geistig online sein, ist wirklicher Luxus und vor allem gesund.

Das Unbewusste nimmt auf und spielt ab:

Bruce Lipton, ein von mir sehr geschätzter amerikanischer Entwicklungsbiologe, vergleicht das Unbewusste mit einem Kassettenrekorder, der einfach aufnimmt und wieder abspielt. Je öfter und intensiver erlebt ein Reiz auftritt, desto besser trainieren wir ihn bzw. unser Verhalten darauf. Wir üben jedoch oft auch Dinge, die wir an sich nicht gern in unserem Leben haben.
Ich wurde unlängst Zeuge eines Gespräches zweier Schwestern. Nennen wir sie Gaby und Brigitte. Gaby offenbarte also Brigitte, sie verhalte sich, in gewissen Stresssituationen, wie ihre gemeinsame Mutter. Selbst die Gestik und Mimik glichen sich. Brigitte war entrüstet und entgegnete, dass sie schon als Kind eben DIESES Verhalten an der Mutter abscheulich gefunden habe und sie peinlichst genau darauf achte, dass Sie sich eben NICHT so verhalte.
Ich, als Beisitzer und Lauscher des Gesprächs musste schmunzeln und griff schlichtend ein: Gerade dann, wenn ein Mensch in eine Stresssituation gerät, greift das System unbewusst auf alte Muster, auf „bewährtes“ erlerntes Verhalten zurück. Das tut es natürlich, ohne dass wir es merken. Schließlich sind wir ja im Stressmodus und unsere bewusste Wahrnehmung, die ansonsten vielleicht hätte verhindern können, dass wir so reagieren, ist eingeschränkt. Es ist eine Art Trance, ein hypnotischer Zustand. Sind wir also entspannt und in unserer Mitte, dann haben wir das Gefühl, uns bewusster zu kontrollieren, da uns genug Kapazitäten zur Verfügung stehen. In ungeübten Stresssituationen hingegen greifen wir auf alte Muster zurück, egal, ob diese heute noch hilfreich für uns sind, oder nicht. Das tut das Unbewusste eben auch, wenn wir die Verhaltensweisen vielleicht gar nicht mögen. Es übt und lernt IMMER. Es nimmt auf und spielt ab. Und wir können wohl davon ausgehen, dass die Mutter das ungeliebte Verhalten a) häufig wiederholt hat und es b) oberhalb der für den (von der Empfängerin ungewollten) "Lernerfolg" notwendigen Reizschwelle stattgefunden hat, bzw. in einer emotional intensiven Situation. Also schob es sich regelmäßig am Bewusstsein vorbei in das Unbewusste der Rezipientin Brigitte. Man darf annehmen, dass auch Gaby einige dieser Verhalten aufweist, wenngleich es nicht dieselben sein müssen, wie bei ihrer Schwester. Diese Vermutung hielt ich allerdings zurück, da ich nicht noch mehr Öl ins Feuer der Diskussion gießen wollte.

Das Unbewusste entscheidet für uns:

Diese Tatsache ist mittlerweile sogar messbar. Zu Forschungszwecken bemühen Hirnforscher heutzutage medizintechnisch aufwendige Geräte, wie beispielsweise den funktionalen Magnetresonanztomographen, kurz fMRT, der uns hilft, Menschen beim Denken zuzusehen. Mehrere Zehntel einer Sekunde bevor wir glauben, bewusst eine Entscheidung getroffen zu haben, ist die Hirnaktivität bereits auf dem Bildschirm des fMRT sichtbar.
Als Anhang zu den Entscheidungen, die das Unbewusste für uns fällt, liefert es uns zur Beruhigung auch gleich die Begründung dafür mit, sowie das gute Gefühl, eigenständig und bewusst entschieden zu haben. So können unsere Ratio und unser Ego sich auf die Schulter klopfen und behaupten, sie hätten auf Basis der zugrundeliegenden Daten eine vernünftige Entscheidung gefällt.
Gedanken und damit verbundene Gefühle entstehen allerdings einfach im Keller des Unbewussten. Sie kommen und gehen und man sollte ihnen nicht immer größere Bedeutung zuschreiben, oder ihnen gar Glauben schenken. Es sind Resultate der eigenen Geschichte und chemischer bzw. physikalischer Prozesse. Es passiert einfach. Ähnlich wie wilde nächtliche Träume. Sie sind häufig so durcheinander, so wenig sinnvoll oder deutbar, dass Menschen mich fragen, was sie denn zu sagen hätten. Meine Antwort ist dann: Das Unbewusste räumt auf, was in Deinem Leben passiert, was Du an dem Tag erlebt hast. Vertrau ihm, es ist hochpräzise und macht alles richtig, auch wenn es für Dich nicht sinnvoll erscheint. Lass es einfach passieren.

Kapazität des Unbewussten:

Unser Unbewusstes ist wesentlich viel weiser und vor allem präziser, als das Bewusstsein. Das mag daran liegen, dass es in derselben Zeit MILLIONENFACH so viel aufnehmen und verarbeiten kann, wie das Bewusstsein. Je länger Neurowissenschaftler forschen, desto kleiner wird das Bewusste in Relation zum Unbewussten. Wenn wir also glauben „bewusst“ zu sein bzw. wahrzunehmen und zu entscheiden, ist es, wie wenn wir bei komplettem Stromausfall in ganz Deutschland mit einem Streichholz umherliefen und so tun, als würden wir das gesamte Land beleuchten und wahrnehmen, wenngleich wir nicht einmal genau sehen können, wo wir hintreten.
 


* Spiegelneuronen sind diejenigen Teilchen in Ihrem System, die dafür sorgen, dass Sie emphatisch auf Situationen reagieren, die Anderen begegnen. Sie fühlen also mit, obwohl Sie gar nicht aktiv beteiligt zu sein scheinen. Ein Beispiel: Ihr Kind läuft schnell durch das Wohnzimmer und bleibt mit dem kleinen Zeh an dem scharfkantigen Metalltischbein des schweren Esstisches hängen. Er zuckt vor Schmerz zusammen. Sie auch? Die Hirnaktivität findet messbar an derselben Stelle statt, wie die, die passieren würde, wenn Sie selber sich den Zeh gestoßen hätten.

 

Wer noch nicht genug hat und sich traut ;o), darf gern die Videoplaylist "Leben im JETZT" anklicken.

© TheWork-online by Marcus Hüppe

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